Die Schweizer Tech-Industrie zeigt sich trotz anhaltender globaler Krisen bemerkenswert robust. Doch der Druck auf die Unternehmen wächst spürbar. Anlässlich des Referats an der Generalversammlung der Handelskammer und Arbeitgebervereinigung Winterthur (HAW) beleuchtete Swissmem-Präsident Martin Hirzel die fundamentalen Herausforderungen dieser Schlüsselindustrie. Um den Werkplatz Schweiz und damit auch denjenigen in der Region Winterthur langfristig zu sichern, muss an den Rahmenbedingungen angesetzt werden. Hirzel gab einen Einblick in die vier brennendsten Herausforderungen.
Konjunktur & Franken: Die Dauerbelastung für die Margen
Die grösste und permanent bleibende Herausforderung bleibt für die exportorientierte Tech-Industrie der starke Schweizer Franken. Das Wachstum hat sich in den letzten Jahren trotz Pandemie, Ukraine-Krieg und Energiekrise abgeschwächt, ist aber noch positivauch wenn ein ¼ der Betriebe eine negative Marge haben. Die Beschäftigung insgesamt ist, auch dank Kurzarbeit, stabil. Die Industrie hält unverändert einen Anteil von rund 6 % an der Gesamtbeschäftigung, doch der anhaltende Aufwertungsdruck des Frankens zehrt massiv an den Margen. Wenn jeder Export ins Euro-Land oder in die USA durch den Wechselkurs verteuert wird, müssen Schweizer Unternehmen diesen Nachteil durch radikale Effizienzsteigerungen wettmachen und immer besser und innovativer sein als die ausländische Konkurrenz.
Bürokratie & Energie: Wachsende Belastungen gefährden die Wettbewerbsfähigkeit
Overall ist die Tech-Industrie keine energieintensive Branche. Sie hat die Klimaziele 2030 des Bundesrates bereits erfüllt. Zwei hausgemachte bzw. regulatorische Faktoren bereiten der Industrie zunehmend Kopfzerbrechen:
Fachkräftemangel: Es fehlen über 4'000 Köpfe pro Jahr
Auch wenn dies beim konjunkturellen Momentum nicht Top Priorirät ist, der Mangel an qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat sich längst von einem temporären Engpass zu einem strukturellen Risiko ausgewachsen.
Für die Unternehmen bedeutet dies: Sie müssen nicht nur sichtbarer werden und die Bedürfnisse der nächsten Generation (Gen Z) ernst nehmen, sondern sind zwingend auf ein exzellentes Bildungssystem, eine starke Berufsbildung sowie den Erhalt der Personenfreizügigkeit angewiesen. Die Schweiz kann stolz sein auf ihr duales Ausbildungssystem. Gerade die Berufsbildung zahlt sich bei der Stellensuche aus. Die Unternehmen müssen bei sich selber anfangen und aktiv gegen dem Fachkräftemangel begegnen.
Geopolitik: Ein klares Ja zum bilateralen Weg
Man kann aktuell den Eindruck haben, dass wir in einer chaotischen Welt leben. Die Exporte der Tech-Industrie gehen zu 56.4% in die EU, davon 23% nach Deutschland, 19.3% nach Asien, davon 6.5% nach China und 13.6% in die USA. Von der globalen Vernetzung konnte die ganze Welt profitieren und den Wohlstand steigern. In den letzten Jahrzehnten konnten über 2 Mrd. Menschen der Armut entwachsen.
In einer geopolitisch fragmentierten Welt ist die Resilienz von Lieferketten und der ungehinderte Marktzugang überlebenswichtig. Freihandel schafft auf beiden Seiten Gewinner. Insgesamt führt Handel zu Investionen.
Martin Hirzel fand fand bezüglich des aktuellen Vertragspakets mit der Europäischen Union (EU) eine klare Position: Die Vorteile überwiegen deutlich. Der Vorstand von Swissmem hat sich einstimmig für die Unterstützung des Pakets ausgesprochen, da es den gesicherten Zugang zum EU-Binnenmarkt, zu dringend benötigten Fachkräften und zu europäischen Forschungsprogrammen garantiert. Gleichzeitig bleiben demokratische Spielräume gewahrt. Kritik gibt es im Detail (etwa bei einzelnen Lohnschutz-Massnahmen), das Fazit ist jedoch deutlich: Der bilaterale Weg ist für unsere Industrie alternativlos, solange der liberale Arbeitsmarkt geschützt bleibt.
Das positive Signal: Vertrauen in den Standort Schweiz bleibt hoch
Trotz dieser dicken Posten auf der Mängelliste gibt es einen starken Lichtblick, der auch uns als HAW für die Region Winterthur zuversichtlich stimmt: Die Tech-Unternehmen glauben an den Standort Schweiz. Eine aktuelle Swissmem-Befragung von Anfang 2026 zeigt:
Die Hauptgründe für diese Standorttreue sind die hohe Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte, vorteilhafte Arbeitsmarktregulierungen und die allgemein verlässlichen Rahmenbedingungen.
Die Schweizer Industrie ist bereit, die Ärmel hochzukrempeln und in den Standort zu investieren. Damit das so bleibt, stehen Politik und Wirtschaftskammern nun gemeinsam in der Pflicht: Wir müssen den Bürokratie-Wildwuchs stoppen, die Energieversorgung sichern und die bilateralen Beziehungen stabilisieren. Nur so bleibt auch Winterthur ein starker Motor für Innovation und Beschäftigung!