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Junior-Lücke intelligent schliessen

Geschrieben von economiesuisse | 20.05.26 06:49

Kaum ein Thema beschäftigt Unternehmerinnen und Unternehmer derzeit so intensiv wie die Auswirkungen der künstlichen Intelligenz auf die Unternehmen selbst, aber auch auf den Arbeitsmarkt. Dass mit technologischen Sprüngen Arbeitsplätze verloren gehen können, ist keine neue Erkenntnis. Joseph Schumpeter hat dies treffend als «schöpferische Zerstörung» beschrieben. Die Postkutschenfahrer verloren ihre Anstellung, als die Eisenbahn aufkam. Unter dem Strich haben Innovationsschübe aber stets mehr Arbeit und mehr Wohlstand gebracht. 

Quelle: economiesuisse 

Auch die Entwicklung der Schweiz beweist dies: Zwar fallen in der Schweiz pro Jahr rund 10 Prozent der Stellen weg. Doch es werden ebenfalls rund 10 Prozent neue Arbeitsplätze geschaffen. Die Wirtschaft kompensiert also den Wegfall von Stellen, die aufgrund des technischen Fortschritts obsolet werden. Der liberale Arbeitsmarkt trägt wesentlich dazu bei, dass die Schweizer Unternehmen erfolgreich mit neuen Technologien umgehen können und sie sich flexibel anpassen können (mehr dazu in unserer Analyse).

Ausbildung der Jungen als wichtige Investition
Dennoch sehen wir im Zuge der KI-Anwendungen in den Unternehmen eine neuartige Herausforderung: Die KI-Revolution trifft nämlich auch Einsteigerjobs. KI-Agenten übernehmen immer häufiger jene Aufgaben, mit denen bislang Hochschulabsolventinnen und gut qualifizierte Berufseinsteiger betraut wurden – Recherchen, Standardanalysen, einfaches Coding. Die Folge: Praktika und Junior-Stellen drohen wegzufallen.

Mittelfristig ist dies eine verhängnisvolle Entwicklung. Trocknet die Pipeline für künftige Führungskräfte aus, stehen die Firmen in zehn Jahren vor gravierenden Problemen: Wer ersetzt dann das erfahrene Senior Management, wenn zu wenig Junge nachrücken? Die Junior-Lücke schmerzt zuerst die Berufseinsteigenden – langfristig trifft sie aber die Unternehmen selbst.

Was ist zu tun? Ausbildung und Einstiegsmöglichkeiten sind heute mehr denn je eine Investition in die Zukunft. Es braucht beides: KI-Agenten für Effizienz und neu gestaltete Einstiegsstellen für KI-affine junge Talente.

Es braucht einen Effort
Berufseinsteigende dürfen nicht mehr mit stumpfen Routineaufgaben starten. Sie müssen von Anfang an darauf trainiert werden, KI-Agenten zu steuern, deren Ergebnisse zu validieren und strategisch zu denken. Mit der dualen Berufsbildung haben wir ein bewährtes Modell des «Learning on the Job». Künftig sind die Unternehmen gefordert, für Hochschulabsolvierende verstärkt Modelle zu entwickeln, die einen lernenden Einstieg ermöglichen. Umgekehrt müssen selbstverständlich auch die Berufseinsteigenden mit möglichst früheren Berufserfahrungen und die Bildungsinstitutionen mit einem arbeitsmarktorientierten Studienangebot ihren Beitrag leisten.

Der Berufseinstieg verschiebt sich grundlegend: weg von der Operationalisierung – «Wie mache ich das?» – hin zur Orchestrierung und Bewertung – «Warum machen wir das so, und stimmt das Ergebnis?»

Der liberale Schweizer Arbeitsmarkt ist die beste Basis dafür, dass der anstehende Wandel gelingt. Er muss unbedingt erhalten bleiben. Es braucht einen Effort, aber ich bin überzeugt, dass wir die «Junior-Lücke» intelligent schliessen können.  

Christoph Mäder
Präsident economiesuisse
 

Standpunkt vom 20.05.2026

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