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Kommunaler Richtplan Teil 1: Arbeitsplätze

Geschrieben von HAW Redaktion | 19.10.26, 13:37

Winterthur will wachsen. Der kommunale Richtplan sieht langfristig Raum für 30'000 zusätzliche Arbeitsplätze vor und soll damit den Wirtschaftsstandort stärken. Die Handelskammer und Arbeitgebervereinigung Winterthur (HAW) begrüsst diese Zielsetzung grundsätzlich, stellt jedoch deren Realisierbarkeit infrage. Denn zusätzliche Arbeitsplätze entstehen nicht allein durch planerische Vorgaben. Entscheidend ist, ob Unternehmen in Winterthur geeignete Flächen und attraktive Rahmenbedingungen vorfinden, um langfristig zu investieren und zu wachsen.

Bildquelle: KI-generiert

Der kommunale Richtplan wird die Entwicklung Winterthurs über viele Jahre prägen. Er legt fest, wie die Stadt wachsen soll, wo neue Arbeitsplätze und Wohnraum entstehen können und wie sich die Mobilität entwickeln soll. Doch der Richtplan wirft auch wichtige Fragen auf, insbesondere aus wirtschaftlicher Sicht. Die Handelskammer und Arbeitgebervereinigung Winterthur (HAW) hat sich deshalb bereits mehrfach kritisch mit den vorgesehenen Massnahmen auseinandergesetzt. In einer vierteiligen Blogserie beleuchten wir die wichtigsten Kritikpunkte und zeigen auf, welche Auswirkungen der Richtplan auf Winterthurs Zukunft haben könnte. Im ersten Beitrag beschäftigen wir uns mit dem ambitionierten Ziel von 30'000 zusätzlichen Arbeitsplätzen.

 

Ein unrealistisches Wachstumsziel

30'000 zusätzliche Arbeitsplätze sind eine beachtliche Zahl. Ob dieses Ziel realistisch ist, lässt sich anhand der bisherigen Entwicklung zumindest infrage stellen. Zwischen 2018 und 2022 entstanden in Winterthur rund 3'068 zusätzliche Stellen. Das entspricht einem jährlichen Wachstum von durchschnittlich 0,84 Prozent. Um die ursprünglich bis 2040 angestrebten 30'000 zusätzlichen Arbeitsplätze zu erreichen, wäre dagegen ein jährliches Beschäftigungswachstum von rund zwei Prozent notwendig gewesen – also mehr als doppelt so viel wie im betrachteten Zeitraum.

Auch die sechs im Richtplan vorgesehenen Schwerpunkträume werfen Fragen auf. Die Stadt beziffert deren Potenzial auf 10'000 bis 20'000 zusätzliche Arbeitsplätze. Wo und unter welchen Voraussetzungen die übrigen Stellen entstehen sollen, bleibt damit offen. Die HAW hat deshalb bereits in ihrer Stellungnahme von 2023 eine unabhängige ökonomische Untersuchung gefordert, welche die Realisierbarkeit des Wachstumsziels und die dafür notwendigen Rahmenbedingungen überprüft.

 

Qualität statt Quantität

Die Zahl der Beschäftigten allein sagt wenig über den wirtschaftlichen Erfolg einer Stadt aus. Für Winterthur ist ebenso entscheidend, welche Wertschöpfung die neu geschaffenen Arbeitsplätze erzielen und welchen Beitrag sie zur Steuerkraft leisten. Gerade angesichts der angespannten städtischen Finanzen braucht Winterthur ein Wachstum, das seine wirtschaftliche Basis nachhaltig stärkt. Zusätzliche Arbeitsplätze führen schliesslich nicht automatisch zu entsprechend höheren Steuereinnahmen.

Winterthur verfügt bereits über wichtige Wirtschaftscluster, darunter Maschinenbau, Cleantech, ICT und Finanzdienstleistungen. Diese Branchen bieten Chancen für Innovation, qualifizierte Beschäftigung und zusätzliche Wertschöpfung. Statt sich primär auf eine möglichst hohe Beschäftigtenzahl zu konzentrieren, sollte die Stadt deshalb stärker darauf achten, wie sie bestehende Unternehmen unterstützen und die Ansiedlung neuer Betriebe erleichtern kann.

 

Unternehmen brauchen mehr als Platz auf einer Karte

Ein Richtplan kann Gebiete für zusätzliche Arbeitsplätze vorsehen. Ob sich dort tatsächlich Unternehmen ansiedeln, hängt jedoch von zahlreichen weiteren Faktoren ab. Neben der Verfügbarkeit geeigneter Flächen spielen beispielsweise die Verkehrsanbindung, die Steuerbelastung, wettbewerbsfähige Energiepreise und verlässliche Bewilligungsverfahren eine wichtige Rolle. Besonders deutlich zeigt sich dies beim produzierenden Gewerbe. Handwerks- und Industriebetriebe benötigen häufig grössere, zusammenhängende Flächen, die gut mit dem Strassennetz erschlossen sind und gewisse Lärm- oder andere Immissionen zulassen. Gewerberäume im Erdgeschoss neuer Wohnüberbauungen können diese Bedürfnisse kaum ersetzen.

Auch die im Richtplan vorgesehene stärkere Durchmischung von Wohnen und Arbeiten ist deshalb nicht überall sinnvoll. Wo Wohnnutzungen näher an bestehende Produktionsbetriebe heranrücken, können neue Nutzungskonflikte entstehen und die Entwicklungsmöglichkeiten der Unternehmen eingeschränkt werden. Hinzu kommt die Energieversorgung. Eine wachsende Wirtschaft benötigt ausreichend verfügbare und bezahlbare Energie. Bereits 2023 kritisierte die HAW, dass konkrete Konzepte für eine wettbewerbsfähige Versorgung der Unternehmen im Richtplan zu wenig ausgearbeitet seien.

 

Fazit

Winterthur soll sich wirtschaftlich weiterentwickeln. Dazu braucht es aber mehr als ambitionierte Zielzahlen und planerisch ausgewiesene Arbeitsplatzflächen. Die Stadt muss sicherstellen, dass Unternehmen tatsächlich die Voraussetzungen vorfinden, um zu investieren, zu wachsen und neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Die HAW fordert deshalb eine Wirtschaftsentwicklung, die sich nicht allein an der Zahl neuer Stellen orientiert, sondern an deren Qualität, Wertschöpfung und langfristigem Nutzen für Winterthur. Dazu gehören ausreichend geeignete Gewerbeflächen, eine funktionierende Verkehrsinfrastruktur, eine zuverlässige Energieversorgung und wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen. Denn Arbeitsplätze entstehen nicht durch einen Richtplan, sondern durch Unternehmen, die in Winterthur eine Zukunft sehen.

 

Link zur Website der Gegenkampagne hier

Link zur detaillierten Stellungnahme der HAW hier

 

 

Andrin Gross, Bachelor of Arts in Politikwissenschaften, Werkstudent HAW