Winterthur soll wachsen und den vorhandenen Raum besser nutzen. Der kommunale Richtplan setzt dabei auf eine stärkere Verdichtung und die Durchmischung von Wohnen und Arbeiten. Doch nicht jede Fläche eignet sich für jede Nutzung. Die Handelskammer und Arbeitgebervereinigung Winterthur (HAW) warnt davor, dass zusätzliche Vorgaben und Nutzungskonflikte die Entwicklung der Stadt erschweren könnten.
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In unserer vierteiligen Blogserie beleuchten wir den kommunalen Richtplan aus wirtschaftlicher Sicht. Nachdem wir im ersten Beitrag das Ziel von 30'000 zusätzlichen Arbeitsplätzen und im zweiten Beitrag die geplante Reduktion des Autoverkehrs kritisch betrachtet haben, steht nun die Stadtentwicklung im Mittelpunkt. Wie lässt sich zusätzlicher Wohnraum schaffen, ohne Gewerbe und Industrie einzuschränken?
Überall Verdichtung
Winterthur benötigt zusätzlichen Wohnraum. Angesichts der knappen verfügbaren Flächen ist eine Verdichtung bestehender Siedlungsgebiete grundsätzlich sinnvoll. Der Richtplan sieht deshalb vor, einen wesentlichen Teil des Wachstums auf sechs Schwerpunkträume zu konzentrieren. Die HAW begrüsst grundsätzlich die gezielte Entwicklung gut erschlossener Gebiete. Allerdings darf Verdichtung nicht mit einer möglichst umfassenden Durchmischung sämtlicher Nutzungen gleichgesetzt werden. Was rund um den Hauptbahnhof sinnvoll sein kann, muss nicht automatisch für Industrie- und Gewerbegebiete gelten.
Gerade produzierende Betriebe benötigen zusammenhängende Flächen, gute Strassenanbindungen und genügend Spielraum für Anlieferungen, Lärm und andere betriebliche Anforderungen. Werden solche Gebiete zunehmend mit Wohnnutzungen durchmischt, können Konflikte entstehen, die den Handlungsspielraum bestehender Unternehmen einschränken.
Mangel an Gewerbeflächen
Bereits in ihrer Stellungnahme von 2023 hat die HAW darauf hingewiesen, dass Winterthur nicht einfach zusätzliche Gewerberäume benötigt, sondern vor allem geeignete Flächen für Handwerk, Industrie und produzierende Unternehmen. Ein Ladenlokal im Erdgeschoss einer Wohnüberbauung kann für ein Dienstleistungsunternehmen attraktiv sein. Für einen Produktionsbetrieb mit Maschinen, Warenlieferungen und entsprechendem Platzbedarf ist es hingegen kaum geeignet.
Der Richtplan sollte deshalb nicht nur auf eine möglichst vielfältige Nutzung setzen, sondern die unterschiedlichen Bedürfnisse der Unternehmen berücksichtigen. Dazu gehört insbesondere, bestehende Arbeitsplatzgebiete langfristig zu sichern und bei Bedarf neue geeignete Gewerbeflächen zu ermöglichen.
Mehr Wohnraum, weniger Hürden
Neben der Sicherung von Gewerbeflächen stellt sich die Frage, wie Winterthur den dringend benötigten Wohnraum tatsächlich schaffen kann. In ihrer Stellungnahme von 2023 sprach sich die HAW für ein ausgewogenes Wohnraumangebot aus. Neben preisgünstigen Wohnungen braucht es auch Wohnraum für unterschiedliche Einkommensgruppen. Dies ist nicht zuletzt für die langfristige Steuerkraft der Stadt von Bedeutung.
Kritisch sieht die HAW hingegen pauschale Vorgaben, etwa feste Quoten für preisgünstigen Wohnraum bei Auf- und Umzonungen. Nicht jedes Areal verfügt über dieselben Voraussetzungen. Einheitliche Anforderungen können deshalb die Entwicklung einzelner Projekte erschweren. Hinzu kommen zahlreiche planerische Auflagen, Prüfverfahren und Bewilligungsschritte. Zwar sind klare Regeln für eine qualitativ gute Stadtentwicklung notwendig. Werden die Anforderungen jedoch zu komplex, steigen die Kosten und Projekte verzögern sich. Gerade angesichts des angespannten Wohnungsmarktes wäre es widersprüchlich, zusätzlichen Wohnraum schaffen zu wollen und gleichzeitig dessen Realisierung unnötig zu erschweren.
Wachstum braucht Akzeptanz
Eine erfolgreiche Verdichtung hängt nicht allein davon ab, wie viele zusätzliche Wohnungen oder Arbeitsplätze entstehen. Entscheidend ist auch, ob die Bevölkerung die Veränderungen als Verbesserung ihrer Lebensqualität wahrnimmt. Dazu gehören attraktive öffentliche Räume, Grünflächen, funktionierende Verkehrsanbindungen sowie ausreichende Schulen und weitere öffentliche Angebote. Bereits 2023 forderte die HAW deshalb, die gesellschaftlichen Auswirkungen des geplanten Wachstums vertieft zu untersuchen.
Gute Stadtentwicklung entsteht nicht durch möglichst viele Vorschriften, sondern durch Lösungen, die den unterschiedlichen Bedürfnissen der Bevölkerung und Wirtschaft gerecht werden.
Fazit
Winterthur muss sich weiterentwickeln. Zusätzlicher Wohnraum und eine bessere Nutzung bestehender Flächen sind wichtige Ziele. Sie dürfen jedoch nicht dazu führen, dass Unternehmen ihren Standort verlieren oder neue Bauprojekte an übermässigen Anforderungen scheitern. Die HAW setzt sich deshalb für eine differenzierte Verdichtung ein, die geeignete Flächen für Gewerbe und Industrie sichert, unterschiedliche Wohnbedürfnisse berücksichtigt und genügend Flexibilität für konkrete Projekte lässt.
Denn eine erfolgreiche Stadtentwicklung schafft nicht nur mehr Raum, sondern auch die richtigen Voraussetzungen, damit Wohnen und Arbeiten langfristig nebeneinander funktionieren können.
Link zur Website der Gegenkampagne hier
Link zur detaillierten Stellungnahme der HAW hier
Andrin Gross, Bachelor of Arts in Politikwissenschaften, Werkstudent HAW