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Neue Studie warnt vor einseitiger Belastung der Erwerbsarbeit

Geschrieben von economiesuisse | 20.01.26 10:00
In der Debatte um milliardenschwere Mehrausgaben werden vermehrt höhere Lohnbeiträge als Finanzierungslösung ins Spiel gebracht. Eine neue Studie von BSS Volkswirtschaftliche Beratung in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Marius Brülhart warnt vor diesem Weg: Lohnabgaben belasten die Erwerbsarbeit einseitig, schwächen die internationale Standortattraktivität und verschärfen Verteilungskonflikte zwischen den Generationen. Nicht minder problematisch ist, dass höhere Abgaben falsche Anreize für Frauen und ältere Arbeitnehmende setzen. 

Bildquelle: KI

Auslöser der aktuellen Debatte um die Erhöhung von Lohnbeiträgen und/oder der Mehrwertsteuer sind mehrere politisch beschlossene oder diskutierte Vorhaben mit dauerhaft hohen Kosten. Dazu zählen insbesondere die 13. AHV-Rente, weitere Reformschritte in der Altersvorsorge sowie zusätzliche Ausgaben in der Familienpolitik. Eine neue, durch den Schweizerischen Arbeitgeberverband beauftragte Studie von BSS Volkswirtschaftliche Beratung in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Marius Brülhart, Volkswirtschaftsprofessor der Universität Lausanne, zeigt die erheblichen negativen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nebenwirkungen von höheren Mehrwertsteuern und – noch bedeutend schädlicher – von höheren Lohnbeiträgen auf.

Laufend höhere Lohnabgaben bremsen Wachstum und Standort
Für einen Hochlohnstandort wie die Schweiz sind die Kosten der Arbeit ein zentraler Wettbewerbsfaktor. Die Analyse der Fachliteratur zeigt, dass höhere Lohnabgaben die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz schwächen. Besonders sensibel reagiert die Standortwahl von Unternehmen: Bereits eine Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge um einen Prozentpunkt senkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein internationaler Hauptsitz für die Schweiz entscheidet, um rund 7,4 Prozentpunkte.

Im Vergleich zu Gewinnsteuern sind Lohnabgaben für Standortentscheide deutlich relevanter, da sich ihre Belastung – anders als bei Gewinnsteuern – kaum durch steuerliche Gestaltung reduzieren lässt. Zudem verteuern höhere Abgaben die Arbeit, dämpfen Investitionen und schwächen gleichzeitig die Kaufkraft der Haushalte.

Der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) hält klar fest, dass eine laufende Erhöhung der Lohnbeiträge – wie sie etwa rund um die Finanzierung der 13. AHV-Rente und andere Ausbauideen im Bereich der Sozialpolitik diskutiert wird – den Wohlstand der Schweiz gefährdet. Die Arbeitskosten gehören bereits heute zu den höchsten der Welt. Eine weitere Verteuerung der Arbeit gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit und damit unmittelbar auch das hohe Lohnniveau und den Wohlstand der Schweiz.

Höhere Lohnbeiträge gehen stark zu Lasten erwerbstätiger Familien
Ein zentraler Befund der Studie betrifft die ungleiche Lastenverteilung. Lohnbeiträge werden ausschliesslich auf Erwerbseinkommen erhoben. Renten, Kapitaleinkommen und die Vermögen wohlhabender Nichterwerbstätiger bleiben hingegen beitragsfrei. Dies führt zu einer generationenübergreifenden Schieflage.

Die Daten zeigen, dass die relative Belastung von höheren Lohnabgaben für junge Haushalte unter 35 Jahren am höchsten ist. Das sind oftmals junge Familien in einer Phase mit hohen Lebenskosten und Kinderbetreuungskosten. Im Gegensatz dazu tragen Rentnerhaushalte – selbst solche in den obersten Einkommensklassen – bei einer Erhöhung der Lohnbeiträge null Franken bei.

«Nur ein paar Prozentpunkte» bedeutet selbst für Medianverdienende 100’000 Franken übers Erwerbsleben
Die Tücke der Lohnabgaben liegt in ihrer optischen Täuschung: Ein zusätzlicher Prozentpunkt wirkt auf dem Lohnblatt zunächst klein. Die Studie zeigt jedoch, dass sich die Lasten systematisch auf die Erwerbsphase konzentrieren – im Median bis zu 73 Franken pro Monat bei den 45–54-Jährigen.

Was bedeutet eine solche monatliche Mehrbelastung über ein ganzes Arbeitsleben hinweg? Um diese Wirkung greifbar zu machen, lässt sich aus den Altersprofilen der Studie eine grobe, kumulierte Belastung ableiten: Addiert man die ausgewiesenen Medianwerte über das Erwerbsleben, ergibt sich bei +1 Prozentpunkt eine Gesamtbelastung von rund 27’000 Franken für Haushalte in der Mitte der Einkommensverteilung und von rund 55’000 Franken für das oberste Quintil.

Und das ist erst ein zusätzlicher Prozentpunkt. Würden sämtliche derzeit diskutierten Ausbauvorhaben im Bereich der Sozialpolitik über Lohnbeiträge finanziert – rund 12 Milliarden Franken pro Jahr bzw. +3.7 Prozentpunkte –, läge die entsprechend hochgerechnete Belastung bei rund 100’000 Franken für die Mitte der Einkommensverteilung und bei über 200’000 Franken für das oberste Quintil – Beträge in der Grössenordnung eines Vorsorgekapitals oder des Eigenkapitals für Wohneigentum.[1]

[1] Kumulierte Belastung über 40 Erwerbsjahre (Altersgruppe 45–54 Jahre) gemäss BSS-Studie (2026). Inzidenz: 75 %. Gesamtszenario: ca. +3,7 Prozentpunkte.

Negative Erwerbsanreize: Gift für das Arbeitsmarkt-Potenzial
Die Studie belegt, dass insbesondere Frauen und ältere Arbeitnehmende sehr sensibel auf sinkende Nettolöhne reagieren. Für diese Gruppen ist der Entscheid für ein höheres Pensum oder den Verbleib im Arbeitsmarkt oft eine knappe Abwägung zwischen dem finanziellen Ertrag und der Zeit für andere Tätigkeiten. Steigen die Lohnabgaben, lohnt sich die Erwerbsarbeit im Vergleich zur unbezahlten Arbeit weniger, was gemäss den Befunden oft zum Rückzug aus dem Arbeitsmarkt oder zu Pensenreduktionen führt.

Aus Sicht der Arbeitgeber ist dies in Zeiten eines strukturellen Fachkräftemangels besonders problematisch. Trotz aktuell konjunkturell bedingt leicht steigender Arbeitslosigkeit sorgt die Demografie langfristig für eine wachsende Arbeitskräftelücke, die sich nicht von selbst schliessen wird. Es ist widersprüchlich, wenn der Staat einerseits mit hohem Mitteleinsatz die Erwerbsbeteiligung fördern will – etwa durch Investitionen in die Kinderbetreuung – und andererseits mit höheren Lohnabgaben genau diese Arbeitsanreize schwächt.

Vergleich der Instrumente: Mehrwertsteuer ist generationenverträglicher
Die Studie stellt der Lohnbeitragserhöhung eine aufkommensäquivalente Erhöhung der Mehrwertsteuer (MWST) gegenüber. Im Gegensatz zu den Lohnbeiträgen verteilt die MWST die Last auf alle Konsumentinnen und Konsumenten. Damit werden auch Rentner und Personen mit hohen Kapitaleinkommen in die Finanzierung einbezogen.

Aus intergenerationeller Sicht ist die MWST das eindeutig fairere Instrument. Sie belastet die Erwerbsarbeit nicht direkt und verhindert damit die oben beschriebenen negativen Anreize für das Arbeitsangebot. Da die MWST die gesamte Bevölkerung umfasst, ist die Belastung pro Kopf deutlich breiter abgestützt und weniger schädlich für die individuelle Kaufkraft der arbeitenden Mitte. Aber auch die Mehrwertsteuer hat volkswirtschaftlich unerwünschte Effekte. Deshalb bleiben strukturelle Reformen, also systemische Anpassungen, die die Finanzierung und Funktionsweise unserer AHV grundlegend angehen, aus Sicht der Arbeitgeber zwingend.

Arbeit darf nicht weiter belastet werden: Die schädlichen Auswirkungen sind zu gross
Die Ergebnisse sind klar: Höhere Lohnabgaben schwächen den Standort, belasten die junge Generation und verschärfen den Fachkräftemangel. Der Schweizerische Arbeitgeberverband fordert deshalb den Verzicht auf zusätzliche Lohnabgaben – insbesondere bei den aktuellen Diskussionen über die AHV. Es braucht stattdessen eine hohe Ausgabendisziplin und strukturelle Reformen, beispielsweise über eine Schuldenbremse bei der AHV.

Zur vollständigen BSS-Studie: Schlussbericht

Weitere Auskünfte
Barbara Zimmermann-Gerster
Leiterin Ressort Sozialpolitik und Sozialversicherungen,
Tel. +41 79 229 13 64 , barbara.zimmermann@arbeitgeber.ch

Dr. Patrick Chuard-Keller
Chefökonom, Tel. +41 44 421 17 39, patrick.chuard@arbeitgeber.ch