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Schweizer Löhne: Höher, dynamischer, gerechter als oft behauptet

Geschrieben von SAV Schweizerischer Arbeitgeberverband | 06.07.26 08:57

2025 brachte das stärkste Reallohnplus seit 2009. Zwar verlief die Lohnentwicklung in den Jahren zuvor krisenbedingt verhaltener. Doch wer den Blick zeitlich erweitert und über die Landesgrenzen hinaus schaut, erkennt: Die Schweizer Lohnentwicklung war deutlich besser, als oft behauptet wird. Kein Land in Europa ist bei den Löhnen so gut durch die letzten anderthalb Jahrzehnte gekommen wie die Schweiz. Fünf Fakten.

  • Die Schweizer Reallöhne sind zwischen 2010 und 2022 von allen europäischen Ländern am stärksten gestiegen. In Deutschland, Italien und Griechenland sind sie im gleichen Zeitraum gesunken.
  • Kaufkraftbereinigt sind die Schweizer Löhne die höchsten Europas. Und nirgends kommt ein grösserer Teil der Wirtschaftsleistung bei den Arbeitnehmenden an.
  • Die Lohnschere öffnet sich nicht: Die Lohnverteilung ist im internationalen Vergleich ausgewogen und stabil.

Bildquelle: KI erstellt

2025 war das beste Lohnjahr seit anderthalb Jahrzehnten: Die Reallöhne stiegen um 1,6 Prozent, so stark wie seit 2009 nicht mehr. In den Jahren zuvor war die Entwicklung allerdings verhaltener. Pandemie, Energiepreisschock nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und importierte Inflation belasteten die Unternehmen und auch die Löhne.

Von Pandemie und Energiepreisschock blieb niemand verschont. Der internationale Vergleich jedoch zeigt: Die Schweizer Reallöhne sind zwischen 2010 und 2022 so stark gestiegen wie nirgends sonst in Europa und die kaufkraftbereinigten Löhne sind die höchsten Europas. Ebenfalls erfreulich: Die Lohnschere öffnet sich nicht, sondern ist seit Jahrzehnten bemerkenswert stabil.

Manche blenden diese Faktoren aus und argumentieren, Unternehmen seien knauserig geworden und würden die Gewinne lieber einbehalten. Der Fachkräftemangel, über den die Arbeitgeber regelmässig klagen, sei bloss ein Gerücht – sonst müssten die Löhne ja steigen.

Was ist da dran? Eine Replik – in 5 (F)Akten.

Fakt 1: Nirgendwo in Europa sind die Reallöhne stärker gestiegen als in der Schweiz
Zwischen 2010 und 2022 stieg der reale Median-Stundenlohn in der Schweiz um 12 Prozent. Damit liegt die Schweiz an der Spitze aller westeuropäischen Länder, mit klarem Vorsprung vor Schweden (+9 Prozent) und Belgien (+8 Prozent). Am anderen Ende der Skala: In Deutschland sanken die Reallöhne im gleichen Zeitraum um 2 Prozent, in Italien um 11 Prozent, in Griechenland um 21 Prozent (siehe untenstehende Abbildung 1).

Der Zeitraum 2010 bis 2022 deckt die letzten vier vollständig vergleichbaren Wellen der Eurostat-Lohnstrukturerhebung ab und erlaubt damit einen langfristigen Blick auf die Entwicklung der Reallöhne.


Abbildung 1: Reales Lohnwachstum im europäischen Vergleich, 2010–2022.
Die Grafik zeigt, wie stark der Median-Stundenlohn nach Abzug der Teuerung in den westeuropäischen Ländern gewachsen ist. Die Schweiz führt mit +12 Prozent klar vor allen anderen Ländern. Zur besseren Vergleichbarkeit zwischen den Ländern wird als Preisindex der europäische
HICP (Harmonised Indices of Consumer Prices) anstelle des LIK (Landesindex der Konsumentenpreise) verwendet. Mit dem LIK fällt das Reallohnwachstum etwas tiefer aus. Lohndefinition: Medianer Stundenlohn ohne Lehrlinge. (Quelle: Eurostat, Structure of Earnings Survey.)

Fakt 2: Sogar kaufkraftbereinigt sind die Schweizer Löhne die höchsten Europas
Der Vorsprung beim Wachstum ist umso beachtlicher, als das Ausgangsniveau bereits das höchste war. Der Median-Stundenlohn beträgt in der Schweiz 23,9 Kaufkraftparitätseinheiten (PPS), mehr als in Dänemark (22,4) oder Belgien (21,3). Deutschland folgt mit deutlichem Abstand bei 17,3 PPS (Abbildung 2).

Die Kaufkraftbereinigung ist dabei zentral: Sie berücksichtigt das hohe Schweizer Preisniveau. Trotzdem bleibt die Schweiz an der Spitze. Für die Arbeitnehmenden heisst das: Sie können sich mit ihrem Lohn mehr leisten als Arbeitnehmende in jedem anderen europäischen Land.

Das ist kein Artefakt des (neuesten verfügbaren) Erhebungsjahres 2022 für den Medianlohn: Auch die aktuellsten verfügbaren OECD-Zahlen für 2024 weisen für die Schweiz den höchsten Durchschnittslohn aller OECD-Länder aus – umgerechnet 103’465 US-Dollar zu Wechselkursen, und auch kaufkraftbereinigt bleibt die Schweiz vor Luxemburg, Dänemark und Deutschland an der Spitze.

Abbildung 2: Lohnniveau im europäischen Vergleich, 2022. Median-Bruttostundenlohn in Kaufkraftparitätseinheiten (PPS). Quelle: Eurostat, Structure of Earnings Survey.

Fakt 3: Nirgends kommt ein grösserer Teil der Wirtschaftsleistung bei den Arbeitnehmenden an
Zählt man die gesamten Lohnzahlungen und die gesamten Unternehmensgewinne zusammen, erhält man vereinfacht gesagt die Wirtschaftsleistung eines Landes. Eine spannende Frage ist deshalb: Wie hat sich der Anteil der Löhne im Vergleich zu den Gewinnen entwickelt?

Nähme der Lohnanteil ab, wäre das ein Hinweis darauf, dass ein grösserer Teil der Wirtschaftsleistung zu Aktionären beziehungsweise Unternehmensinhabern fliesst. Die Daten zeigen jedoch das Gegenteil: Die Schweizer Lohnquote ist nicht nur stabil, sie liegt seit Jahren über jener aller anderen grossen Volkswirtschaften (siehe nachfolgende Abbildung 3).

Der Befund ist klar: In der Schweiz kommt ein aussergewöhnlich hoher Anteil der Wirtschaftsleistung bei den Arbeitnehmenden an. Von einer einseitigen Verschiebung zugunsten der Arbeitgeberseite kann keine Rede sein. Die hiesigen Arbeitgeber lassen ihre Belegschaften weit überdurchschnittlich an der Wertschöpfung teilhaben.

Abbildung 3: Anteil des Arbeitnehmerentgelts an der Wirtschaftsleistung (Lohnquote). Je höher der Wert, desto grösser der Anteil der Wirtschaftsleistung, der als Lohn bei den Arbeitnehmenden ankommt. In der Schweiz liegt dieser Anteil mit rund 63 Prozent stabil über jenem aller anderen grossen Volkswirtschaften. (Quelle: AMECO.)

Fakt 4: Die Lohnungleichheit ist moderat und stabil
Die oben beschriebene Lohnquote zeigt, dass Arbeitnehmende in der Schweiz insgesamt stark an der Wirtschaftsleistung beteiligt sind. Entscheidend ist aber auch, wie diese Lohnsumme unter den Arbeitnehmenden verteilt ist. Deshalb lohnt sich ein Blick auf die Lohnungleichheit.

Ein zentrales Mass für die Lohnungleichheit ist das 90/10-Verhältnis (auch D9/D1-Verhältnis genannt): Es zeigt, um wie viel die obersten 10 Prozent mehr verdienen als die untersten 10 Prozent. In der Schweiz liegt dieses Verhältnis gemäss OECD bei 2,62 und damit deutlich tiefer als in Deutschland (3,35), Grossbritannien (3,42) oder den USA (4,98). Der Lohnabstand zwischen «oben» und «unten» ist hierzulande also kleiner als in vielen vergleichbaren grossen Volkswirtschaften.

Ein wichtiger Grund für die moderate Lohnungleichheit in der Schweiz ist das durchlässige Berufsbildungssystem. Auch ohne Universitätsabschluss eröffnen sich vielfältige Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Dadurch erzielen Personen mit Berufsbildung im internationalen Vergleich hohe Einkommen, was zu einer relativ geringen Lohnungleichheit beiträgt.

Noch entscheidender: Diese Verteilung ist bemerkenswert stabil (siehe untenstehende Abbildung 4). Die neuste Lohnstrukturerhebung des BFS bestätigt, dass die Lohnschere nicht auseinandergeht: 2024 verdienten die bestbezahlten 10 Prozent das 2,7-Fache der am tiefsten bezahlten 10 Prozent, praktisch gleich viel wie 2008. Das Bundesamt für Statistik hält selbst fest, die allgemeine Lohnpyramide habe sich zwischen 2008 und 2024 «kaum verändert».

Natürlich gibt es auch in der Schweiz sehr hohe Löhne bei den absoluten Spitzenverdienern. Statistisch betrachtet sind solche Spitzenwerte jedoch Ausreisser. Für die Beurteilung der Lohnverteilung sind robuste Kennzahlen wie das 90/10-Verhältnis deshalb aussagekräftiger als einzelne Extremwerte.

Abbildung 4: Lohnungleichheit im internationalen Vergleich. Die Grafik zeigt das D9/D1-Verhältnis: Wer gerade zu den 10 Prozent bestverdienenden Arbeitnehmenden gehört, verdient in der Schweiz das 2,62-Fache (gemäss BFS das 2,7-Fache) eines Arbeitnehmenden, der gerade zu den 10 Prozent Tiefstverdienenden gehört. Damit gehört die Schweiz international zu den Ländern mit moderater und stabiler Lohnungleichheit. (Quelle: OECD Earnings Distribution Database, D9/D1 Earnings Ratio.)

Fakt 5: Zwischen 2008 und 2024 wuchsen die tiefen Löhne prozentual am stärksten
Zu guter Letzt darf man erfreut feststellen, dass zwischen 2008 und 2024 die tiefen Löhne relativ am stärksten (+18,1 Prozent) angestiegen sind. Die hohen Löhne legten um 16,8 Prozent zu, jene in der Mitte um 15,4 Prozent (BFS-Medienmitteilung vom 25. November 2025). Über diesen längeren Zeitraum blieb die Lohnschere in der Schweiz also stabil.

Betrachtet man kürzere Zeiträume, so kann das Bild anders aussehen. Zwischen 2014 und 2024 wuchs der Nominallohn im obersten Zehntel um 11,4 Prozent, im untersten nur um 8,3 Prozent. Öffnet sich die Schere also doch? Bevor man voreilige Schlüsse zieht, lohnt es sich, zwei Dinge zu beachten.

Erstens ist ein Jahrzehnt oder weniger für Verteilungsfragen ein kurzes Fenster. Je nach Wahl des Start- und Endjahres erwischt man unterschiedliche Konjunkturphasen – Frankenschock, Pandemie, Inflationsschub – und misst dann eher den Zyklus als den Trend. Schon eine kleine Verschiebung des Fensters kippt das Ergebnis: Ab 2010 gerechnet wachsen selbst die unbereinigten Löhne unten stärker als oben, ab 2008 sowieso. Verlässliche Aussagen über die Lohnverteilung brauchen deshalb lange Zeiträume, die mehrere Konjunkturphasen umfassen.

Zweitens – und als Vorwarnung, jetzt wird es für drei Abschnitte ein wenig technisch – vergleichen wir gar nicht dieselben Menschen über diese Zeit. Die betrachtete Statistik begleitet nicht einzelne Personen und ihre Löhne durch die Zeit: Sie legt zwei Momentaufnahmen der Erwerbsbevölkerung nebeneinander. Und diese Bevölkerung hat sich in zehn Jahren deutlich verändert: Heute stehen mehr Hochqualifizierte und mehr Ältere im Arbeitsmarkt – zwei Gruppen mit überdurchschnittlich hohen Löhnen. Rücken mehr solche Gutverdienende nach, braucht es einen immer höheren Lohn, um überhaupt noch zu den obersten 10 Prozent zu zählen. Die Schwelle steigt – ganz ohne dass irgendjemand der Gutverdienenden eine ausserordentliche Lohnerhöhung erhalten hätte. Das oberste Zehntel von 2024 ist deshalb nicht einfach das oberste Zehntel von 2014.

Rechnet man diesen Struktureffekt heraus,² vergleicht man also etwa Personen mit ähnlicher Ausbildung, ähnlichem Alter und ähnlicher Herkunft, dreht sich das Bild (Abbildung 5): Zwischen 2014 und 2024 wuchsen die Löhne vergleichbarer Personen im untersten Zehntel um 7,4 Prozent, im obersten um 4,9 Prozent. Entscheidend sind dabei weniger die einzelnen Prozentwerte als das Muster: Je tiefer das Lohnsegment, desto grösser der echte Zuwachs. Und dieses Gefälle ist kein Zufall des gewählten Zeitfensters – über 2010 bis 2024 zeigt es sich noch ausgeprägter (siehe Abbildung 6).

Bei vergleichbaren Personen sind es also die tiefen Löhne, die am stärksten gewachsen sind. Der stärkere Anstieg im obersten Segment spiegelt vor allem, dass heute mehr Hochqualifizierte und mehr Ältere im Arbeitsmarkt stehen. Die Lohnschere öffnet sich nicht.


Abbildungen 5/6: Nominales Lohnwachstum, aufgeschlüsselt nach dem Anteil, der auf die veränderte Zusammensetzung der Erwerbsbevölkerung zurückgeht (hellblau), und dem echten Lohnzuwachs bei vergleichbaren Personen (dunkelblau). Quelle: BFS, Lohnstrukturerhebung 2010/14-2024; eigene Berechnungen Patrick Chuard-Keller (SAV).

Fazit
Die globalen Krisen der letzten Jahre haben auch die Schweizer Lohnentwicklung belastet. Der internationale Vergleich zeigt jedoch: Kein anderes Land in Europa ist annähernd so gut durch diese Zeit gekommen. Die Schweizer Reallöhne sind stärker gestiegen, das Lohnniveau ist höher, der Lohnanteil an der Wirtschaftsleistung grösser und die Lohnungleichheit geringer als anderswo. Dazu beigetragen haben die Sozialpartnerschaft, das duale Bildungssystem und ein flexibler Arbeitsmarkt. Die Schweiz braucht deshalb keine radikalen Eingriffe in die Lohnbildung, sondern die Fortsetzung dessen, was seit Jahrzehnten funktioniert. Wenig hilfreich ist dagegen, jene Strukturen schlechtzureden, die wesentlich zum Wohlstand aller beitragen: Arbeitgeber, Arbeitsmarkt und Berufsbildung.

 

Originalblog SAV vom 06. Juli 2026