Richtplan Winterthur: Riskante Folgen für die Wirtschaft

07.05.26 14:48

Das Stadtparlament Winterthur hat am 13. April 2026 die Gesamtrevision des kommunalen Richtplans beschlossen. Der Richtplan legt die räumliche Entwicklung Winterthurs bis 2040 fest und betrifft zentrale Lebensbereiche: Wohnen, Mobilität, Gewerbe, Quartierentwicklung, Grünräume und Landwirtschaft. Aus wirtschaftlicher Perspektive wirft der Richtplan jedoch viele kritische Fragen auf.

 

Ein zentrales Problem des Richtplans liegt darin, dass er sehr weitreichende Ziele formuliert, ohne deren wirtschaftliche Folgen ausreichend zu klären. Es fehlt eine finanzielle Folgeabschätzung. Gerade weil die geplanten Massnahmen grosse Auswirkungen auf Infrastruktur, Mobilität, Klimapolitik, Verwaltungskosten und künftige Steuereinnahmen haben können, müsste transparent aufgezeigt werden, was diese Pläne kosten und wie sie finanziert werden sollen. Ohne eine solche Analyse bleibt offen, ob Winterthur sich die vorgesehenen Massnahmen überhaupt leisten kann.

Besonders kritisch ist auch das Ziel, bis 2040 rund 30’000 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Auf den ersten Blick klingt das wirtschaftsfreundlich. Bei genauerem Hinsehen ist dieses Ziel jedoch kaum realistisch. Zwischen 2018 und 2022 wuchs die Zahl der Beschäftigten in Winterthur deutlich langsamer als die Bevölkerung. Um 30’000 zusätzliche Arbeitsplätze zu erreichen, müsste das Beschäftigungswachstum künftig mehr als doppelt so hoch sein wie in den vergangenen Jahren. Gleichzeitig bleibt der Richtplan vage, wenn es darum geht, in welchen Branchen diese Stellen entstehen sollen und welche Rahmenbedingungen Unternehmen dafür brauchen.

Auch für das lokale Gewerbe schafft der Richtplan Unsicherheit. Zwar ist von preisgünstigem Gewerberaum die Rede. Doch offen bleibt, welches Gewerbe damit überhaupt gemeint ist. Für viele Betriebe braucht es nicht einfach kleine Ladenflächen in Wohnüberbauungen, sondern gut erschlossene Gewerbeflächen, die genügend Platz bieten und auch gewisse Immissionen zulassen. Gerade Handwerksbetriebe, produzierende Unternehmen oder Zulieferer sind auf solche Standorte angewiesen. Werden Arbeitsplatzgebiete stärker durchmischt, entstehen zusätzliche Konflikte mit Wohnen, Lärm- und Verkehrsvorgaben. Das erschwert die Ansiedlung produktiver Unternehmen statt sie zu fördern.

Ein weiterer wirtschaftlicher Schwachpunkt betrifft die Mobilität. Die geplante starke Reduktion des motorisierten Individualverkehrs bringt für Detailhandel, Pendlerinnen und Pendler sowie Gewerbebetriebe erhebliche Nachteile. Viele Kundinnen, Kunden und Arbeitnehmende sind weiterhin auf das Auto angewiesen, besonders aus Regionen mit schlechter ÖV-Anbindung. Wenn die Erreichbarkeit der Innenstadt sinkt oder Parkplätze stark reduziert werden, profitieren am Ende Einkaufszentren ausserhalb der Stadt, während der Winterthurer Detailhandel weiter unter Druck gerät

Hinzu kommt, dass der Richtplan aus wirtschaftlicher Sicht zu stark regulierend wirkt. Er legt langfristige Zielsetzungen fest, die später bei Bauprojekten, Mobilitätsfragen und Nutzungsentscheiden bindend wirken können. Damit sinkt der Handlungsspielraum für Unternehmen, Grundeigentümer und Investoren. Gerade in einer Zeit, in der Wohnraum knapp ist, Energiekosten steigen und Unternehmen flexible Rahmenbedingungen brauchen, darf die Stadt keine zusätzlichen Hürden schaffen.

Winterthur braucht eine Stadtentwicklung mit Augenmass. Klimaschutz, Lebensqualität und Verdichtung sind wichtige Ziele. Sie dürfen aber nicht gegen wirtschaftliche Entwicklung, Arbeitsplätze, Gewerbe und Erreichbarkeit ausgespielt werden. Ein Richtplan, der Wachstum will, aber die dafür nötigen wirtschaftlichen Grundlagen nicht ausreichend schafft, bleibt widersprüchlich. Aus wirtschaftlicher Perspektive muss dieser kommunale Richtplan deshalb kritisch hinterfragt werden.

 

 

Ganze Stellungnahme der HAW vom November 2023

 

 

Andrin Gross, Bachelor of Arts in Politikwissenschaften, Werkstudent HAW

 

 

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