Die Schweiz gilt als weltweite Innovationsführerin, doch beim Thema vernetzte Produktion besteht akuter Handlungsbedarf. Um auf unserer Hochpreisinsel die gewohnte Spitzenqualität zu sichern, die Produktivität zu steigern und dem drängenden Fachkräftemangel die Stirn zu bieten, führt kein Weg an der „Smart Factory“ vorbei. Am Event der Cluster-Initiative „Smart Machines“ in Winterthur diskutierten drei hochkarätige Referenten, wo die Schweizer Industrie aktuell steht und wie der Sprung in die smarte Zukunft gelingt.
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Dr. Daniel Schmid (ZHAW): Von Industrie 4.0 zu 5.0 – Der Mensch im Zentrum der Daten
Dr. Daniel Schmid, Leiter der Fachgruppe Digitalisierung am Institut für Produkt- und Produktionsentwicklung (IPP) der ZHAW, eröffnete die Runde mit einer kritischen Bilanz: Die klassische „Industrie 4.0“ hat ihre hohen Versprechen oft nur teilweise eingelöst. Die reine Vernetzung von Maschinen reicht nicht aus. Deshalb vollzieht sich bereits der Wandel hin zur Industrie 5.0, die den Menschen, die Nachhaltigkeit und die geopolitische Resilienz ins Zentrum stellt. Problematisch ist, dass Innovationen zögernd eingesetzt werden, Dynamik verlorengeht und Regulierung zu weiterer Unsicherheit führt.
Schmid betonte, dass die Smart Factory in der Schweiz trotz unserer technologischen Spitzenposition in vielen Betrieben noch unzureichend umgesetzt ist. Der Schlüssel zur Aufholjagd liegt im Schliessen der digitalen Lücke – weg von papierbasierten Prozessen, hin zu durchgängigen Datenströmen. Mithilfe von Konzepten wie dem Digital Twin (dem digitalen Zwilling eines Produkts oder einer Anlage) und dem Digital Thread (dem lückenlosen Datenfaden über den gesamten Lebenszyklus) lässt sich das enorme Potenzial moderner KI-Technologien in der Fertigung erst richtig freisetzen. Zur Strukturierung, Positionierung und Weiterentwicklung der Thematik erläutert Schmid das Konzept des Smart Factory Navigators und rät den Unternehmen, ihren Weg Schritt für Schritt, aber entschlossen anzugehen.
Gianluca Ielpo (Noser Engineering AG): Produktions-Software langfristig fit und sicher halten
Dass eine Smart Factory nur so stark ist wie die Software, die sie steuert, zeigte Gianluca Ielpo, Embedded Systems Engineer bei der Noser Engineering AG. Für High-End-Produktionsbetriebe ist die Softwareauswahl ein strategischer Balanceakt zwischen „Make or Buy“. Die viel grössere und oft unterschätzte Herausforderung liegt jedoch darin, diese Systeme über Jahre und Jahrzehnte hinweg performant, wartbar und vor allem cybersicher zu halten.
Am konkreten Praxisbeispiel der Ablösung einer produktionskritischen Legacy-Applikation demonstrierte Ielpo, wie veraltete Software-Architekturen zu massiven Risiken und immensen Kosten führen können. In der Smart Factory von heute muss Software von Beginn an auf Langlebigkeit und Security ausgelegt sein. Nur durch kontinuierliche Modernisierung und eine saubere Architektur, aber auch durch nachhaltige Personalplaner betriebsintern oder bei den Entwicklern, bleiben hochkomplexe Fertigungsanlagen langfristig fit für den globalen Wettbewerb und geschützt vor digitalen Bedrohungen.
Dr. Gunnar Keitzel (Kistler Instrumente AG): Aus der Not zur Tugend – Smarte Sensorik für die Zerspanung
Dr. Gunnar Keitzel, Head of Business Unit AM bei der Kistler Instrumente AG zeigt auf, weshalb Kistler die Vision einer Smart Factory in Winterthur verfolgt. Das Bedürfnis nach Prozess- und Datenverständnis wächst kontinuierlich. Bei Kistler wird dies als Chance angesehen. Keitzel veranschaulichte, wie konkrete Innovation auf dem Fabrikboden aussieht: Für die hochpräzise Zerspanung von extrem kleinen und dünnwandigen Bauteilen gab es auf dem Weltmarkt keine kommerziell verfügbare Prozessüberwachung. Basis-Herausforderung waren zu hohe Kosten- und Qualitätsprobleme, aber auch die die starke Abhängigkeit von Prozessbeurteilungen des jeweiligen Polymechanikers. Kistler entwickelte kurzerhand eigene, hochinnovative Kraftsensoren und integrierte sie direkt in die Langdrehmaschinen.
Was als pragmatischer Lösungsansatz für die eigene Produktion begann, hat sich heute zu einem kompletten, einzigartigen Lösungsportfolio am Markt entwickelt. Durch die sensorbasierte Echtzeit-Überwachung werden Werkzeugbrüche sofort erkannt, Ausschuss minimiert und die Qualitätskontrolle direkt in den Fertigungsprozess integriert. Ein Paradebeispiel dafür, wie Schweizer KMU durch smarte Eigenentwicklungen nicht nur ihre eigene Produktivität sichern, sondern echte technologische Alleinstellungsmerkmale schaffen können.
Fazit: Digitalisierung ist kein Projekt, sondern eine Haltung
Der anschliessende Rundgang durch das Proof-of-Concept Lab (PoC Lab) der ZHAW am Lagerplatz Winterthur machte deutlich: Die Werkzeuge für die Smart Factory sind bereit und greifbar – auch für KMU.
Das Fazit des Abends: Die Schweizer Industrie ist gefordert die Digitalisierung konsequent anzugehen. Internationale Wettbewerber schlafen nicht und der Druck wird weiter zunehmen. Die gezeigten Beispiele manifestieren aber auch, dass in unserer Region hochinnovative Unternehmen an vorderster Front agieren. Wer als Hochpreisinsel wettbewerbsfähig bleiben will, darf Smart Factory nicht als isoliertes IT-Projekt verstehen, sondern als fundamentale strategische Ausrichtung. Durch die enge Zusammenarbeit zwischen Forschungseinrichtungen wie der ZHAW und innovativen Dienstleistern und Industrieunternehmen der Region Winterthur sind wir bestens positioniert, um diesen Wandel erfolgreich zu gestalten.




