Unsicherheit bremst Wachstum

Von economiesuisse am 03.06.26 11:50

  • Die Schweizer Wirtschaft wächst weiterhin unter Potenzial und steht unter dem Einfluss geopolitischer Unsicherheiten. Die Exportwirtschaft zeigt sich dennoch erstaunlich robust. Die binnenorientierten Branchen entwickeln sich stabil.
  • Die Inflation steigt in diesem Jahr auf 0,8 Prozent.
  • economiesuisse erwartet, dass das reale Bruttoinlandprodukt der Schweiz nach 1,0 Prozent in diesem Jahr auch 2027 verhalten um 1,2 Prozent wächst.
  • Die Arbeitslosenquote wird von durchschnittlich 3,1 Prozent (2026) auf 3,2 Prozent (2027) steigen.

Die internationalen Konflikte in der Ukraine und dem Nahen Osten belasten die Weltwirtschaft. Hohe Erdölpreisnotierungen, steigende Transportkosten und das erneute Aufkommen von Lieferengpässen verteuern viele Produkte und, zwar abgeschwächt, auch viele Dienstleistungen. So wird beispielsweise das Ausrollen neuer KI-Dienstleistungen teurer, weil die Hardwarepreise und die Energiekosten steigen. Entsprechend nehmen die Inflationsraten in vielen Ländern wieder zu.

In den USA und der EU zeichnet sich ein ähnliches Szenario ab wie nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine: Damals liessen stark steigende Energiepreise die Inflation innert kurzer Zeit gegen 10 Prozent ansteigen. Ein gleich starker Inflationsschub ist zwar nicht zu erwarten, da viele Länder ihre Abhängigkeiten von Energie aus den Konfliktzonen etwas reduziert haben. Dennoch ist die Richtung der Preisentwicklung vorgezeichnet. Je länger die Probleme bei der Durchfahrt durch die Strasse von Hormus andauern, desto stärker dürfte die Inflation angeheizt werden. Besonders betroffen ist Asien, weil Länder wie Indien, die Philippinen und Indonesien in hohem Mass von Energie aus der Konfliktzone abhängig sind.

Schwächere Inflationsentwicklung in der Schweiz
Für die Schweiz ist im internationalen Vergleich weiterhin mit einer deutlich schwächeren Inflationsentwicklung zu rechnen. Der dämpfende Effekt des starken Frankens auf die importierte Inflation, die über die letzten Jahrzehnte deutlich energieeffizienter gewordene Schweizer Wirtschaft und das bereits sehr hohe inländische Preisniveau von Energie oder Nahrungsmittel führen dazu, dass die prozentualen Preisanstiege moderater ausfallen.

Zusätzliche Unsicherheit entsteht durch die Zollpolitik der USA sowie durch protektionistische Massnahmen und Subventionen in vielen Ländern. Für exportorientierte Unternehmen bleibt unsicher, welche Rahmenbedingungen morgen gelten. Die Schweizer Wirtschaft hat jedoch gelernt, besser mit dieser Unsicherheit umzugehen. Gleichzeitig treibt sie viele Unternehmen dazu, ihre internationale Diversifikation weiter voranzutreiben. Dies wird den Standort Schweiz mittelfristig schwächen. Auch die hohe Regulierungsdichte belastet die Attraktivität des Standorts.

Trotz verhaltener Konsumentenstimmung und steigender Energiepreise führen vier Faktoren dazu, dass sich die Weltwirtschaft derzeit erstaunlich resilient zeigt. Erstens sorgen viele Staaten mit fiskalischen Impulsen für zusätzliche Nachfrage, etwa durch Subventionen, höhere staatliche Investitionen oder Steuersenkungen. Zweitens fliesst ein Teil der zusätzlichen Staatsausgaben in umfangreiche Rüstungsprogramme. Drittens investieren die grossen Tech-Firmen, aber auch viele kleinere Unternehmen, umfangreiche Mittel in Rechenzentren und KI-Anwendungen. Und viertens besteht in einzelnen Sektoren Nachholbedarf bei Ersatzinvestitionen und Lager werden wieder aufgefüllt, um künftige Lieferengpässe abzufedern.

Exportdynamik uneinheitlich
Die Schweizer Exportindustrie bleibt weiterhin unter Druck, entwickelt sich jedoch je nach Branche unterschiedlich. Die Textil-, die Uhren- und die exportierende Lebensmittelindustrie rechnet mit weiter rückläufigen Exporten. In der Tech-Industrie zeichnet sich hingegen im Laufe dieses Jahres eine Bodenbildung ab. Hohe Auftragseingänge deuten darauf hin, dass die MEM-Exporte 2027 wieder zulegen könnten. Die Gesundheitsbranchen – insbesondere die Pharmaindustrie und die Medizinalgüterindustrie - erwarten weiterhin ein solides Wachstum.

Im Dienstleistungsbereich wirkt sich die Lage im Nahen Osten vor allem negativ auf den Tourismus aus, insbesondere aufgrund höherer Transportkosten. Demgegenüber dürften Banken, Versicherungen und der Grosshandel ihre Dienstleistungsexporte verglichen mit 2025 sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr steigern.

Stabile Entwicklung bei binnenorientierter Wirtschaft
Während der Wachstumsmotor der Exporte stottert, entwickelt sich die binnenorientierte Wirtschaft stabil. Die Kaufkraft der Bevölkerung bleibt insgesamt hoch. Zudem wird die Zuwanderung auch 2026 und 2027 deutlich über der Abwanderung liegen. Zwar wird die positive Reallohnentwicklung durch die ansteigende Inflation etwas gedämpft, doch die Kaufkraft der Bevölkerung bleibt gross und ihre Nachfrage - insbesondere nach Dienstleistungen - wächst weiterhin. Entsprechend erwarten die Gesundheitsbranche, aber auch die Telekommunikation, die Informatik, der Detailhandel oder die Transportbranche eine positive Wirtschaftsentwicklung in diesem und im nächsten Jahr. Auch die Immobilienbranche, Beratungsunternehmen und das inländische Banken- und Versicherungsgeschäft entwickeln sich positiv. Strukturell angespannt bleibt hingegen die Lage in der Medienbranche und im Druck- und Verlagsgeschäft.

Eine wichtige Stütze des Wachstums bleiben der private und der öffentliche Konsum, welche sich stabil entwickeln und in diesem sowie im nächsten Jahr zwischen 1 und 1,5 Prozent zulegen dürften. Trotz der grossen wirtschaftlichen Unsicherheit investieren viele Unternehmen weiterhin in der Schweiz, insbesondere in Ausrüstungen, aber auch in den Wirtschaftshochbau. Der Bausektor wird dabei vor allem vom Miet- und Eigentumswohnungsbau getragen. Auch die öffentliche Hand investiert kontinuierlich in Hoch- und Tiefbauprojekte. Insgesamt dürfte der Bau in diesem und nächsten Jahr um über ein Prozent und die Ausrüstungsinvestitionen um rund drei Prozent wachsen.

BIP-Wachstum von 1,2 Prozent (2027) erwartet
Bei den Exporten ist hingegen in diesem Jahr mit einem leichten Rückgang zu rechnen, gefolgt von einer Stagnation im kommenden Jahr. Insgesamt erwartet economiesuisse ein Wachstum des realen Bruttoinlandprodukts der Schweiz von 1,0 Prozent im Jahr 2026 und 1,2 Prozent im Jahr 2027.

Die Phase, in der mehr Unternehmen ihren Personalbestand als zu gross einschätzten, geht allmählich zu Ende. Für 2027 erwarten etwa gleich viele Unternehmen einen Personalaufbau wie einen Abbau. Der Arbeitsmarkt bleibt damit weitgehend ausgeglichen und die Arbeitslosigkeit steigt nur geringfügig an. Es ist mit einer Arbeitslosenquote von 3,1 Prozent in diesem und 3,2 Prozent im nächsten Jahr zu rechnen.

​Annahmen des Basisszenarios und Konjunkturrisiken
Die Basisprognose geht von einer anhaltend schwierigen internationalen Lage aus. Protektionismus und Subventionswirtschaft nehmen weltweit zu. Das Basisszenario geht aber davon aus, dass die Lage im Nahen Osten nicht weiter eskaliert und die Strasse von Hormus zumindest teilweise wieder geöffnet wird. Der weltweite Inflationsschub fällt entsprechend moderater aus. Auch der Ukraine-Krieg oder die Taiwan-Frage verändern sich 2027 nicht wesentlich.

Das grösste Konjunkturrisiko stellt offensichtlich die Geopolitik und die damit verbundene Unsicherheit dar, welche sich negativ auf die internationale und schliesslich auch nationale Nachfrage auswirken könnte. Rund 60 Prozent der Umfrageteilnehmer verorten in diesen drei Bereichen die grössten Risiken. Auch die Regulierung (16 Prozent) und die Politik (8 Prozent) werden häufig als Konjunkturrisiko wahrgenommen. Schliesslich werden auch mögliche Preissteigerungen bei Rohstoffen (12 Prozent) und generell Kostensteigerungen (7 Prozent) als Abwärtsrisiko genannt.

 

Prof. Dr.  Rudolf Minsch
Leiter Wirtschaftspolitik & Aussenwirtschaft, Chefökonom, Stv. Vorsitzender der Geschäftsleitung

Guido Saurer
Stv. Bereichsleiter Wirtschaftspolitik & Bildung

 

 

 

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