Japan als Warnsignal: Alt, ärmer und entvölkert

Von economiesuisse am 08.06.26 14:47

  • Seit 30 Jahren sieht sich Japan mit einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung konfrontiert.
  • Die Wohlstandsentwicklung ist seither bescheiden und man beobachtet eine Entvölkerung der ländlichen Regionen.
  • Das Beispiel Japan dient als Warnung für die Schweiz im Hinblick auf eine rigide Zuwanderungspolitik.

Bildquelle: KI generiert

Am 14. Juni 2026 entscheidet die Schweizer Stimmbevölkerung darüber, ob ein starrer Bevölkerungsdeckel von 10 Millionen Menschen in der Verfassung verankert werden soll. Die Umfragen deuten darauf hin, dass das Anliegen, gerade auch im ländlichen Raum, auf viel Zuspruch stossen dürfte. Viele Bürgerinnen und Bürger empfinden die Zuwanderung und das damit verbundene Bevölkerungswachstum als zu hoch und zu schnell. Der Deckel wird als einfache Lösung angepriesen, um gegen diese Entwicklung vorzugehen. «Bewahren, was wir lieben», so der Slogan der Befürworter eines starren Deckels. Doch hält dieser Anspruch der Realität stand? Kann man in einer immer älter werdenden Bevölkerung Wohlstand, dezentrale Versorgung und wirtschaftliche Dynamik bewahren und gleichzeitig eine rigide Begrenzung der Migration verfolgen, wie es ab Erreichen des Deckels verfassungsmässig vorgesehen ist? In der aktuellen Debatte lohnt sich ein Blick auf Japan.

Schrumpfende Erwerbsbevölkerung und kaum Wohlstandgewinne
Japan hat eine der ältesten Bevölkerungen weltweit. Seit nun fast dreissig Jahren schrumpft die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 64 Jahren. Eine Folge dieser demografischen Herausforderung ist deutlich in der Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Kopf erkennbar. Von 1970 an konnte Japan beim Wohlstand gegenüber anderen Industrienationen aufholen. Mitte der 1990er-Jahre wiesen sie ein ähnlich hohes BIP pro Kopf auf wie Deutschland, die Niederlande oder Schweden. Doch ab diesem Zeitpunkt änderte sich die Ausgangslage. Während die erwerbsfähige Bevölkerung in den europäischen Ländern weiter wuchs, begann sie in Japan zu schrumpfen. Die Auswirkungen auf die Wohlstandsentwicklung sind offensichtlich: Die Deutschen konnten ihr BIP pro Kopf seit 1996 inflationsbereinigt um 37 Prozent steigern, die Niederländer und Schweden sogar um etwa 50 Prozent. Die Wohlstandsgewinne Japans fielen mit 20 Prozent deutlich geringer aus. Mit der schrumpfenden Erwerbsbevölkerung war es für Japan nicht mehr möglich, mit den anderen Ländern mitzuhalten.

Das ländliche Japan entvölkert sich immer mehr
Seit Mitte der 1990er-Jahre schrumpft die japanische Erwerbsbevölkerung, während die Gesamtbevölkerung nahezu konstant blieb. Die Wohlstandsentwicklung war seitdem bescheiden. Dies ist jedoch nur eine der Folgen der demografischen Alterung. Eine weitere Auswirkung zeigt sich bei der Betrachtung der Verteilung der Bevölkerung auf ländliche und urbane Gebiete. Bis Mitte der 1990er-Jahre wuchs die Gesamtbevölkerung in etwa so stark wie die erwerbsfähige Bevölkerung. Die Bevölkerung in den Städten nahm kontinuierlich zu, während jene auf dem Land weitgehend konstant blieb. Doch seit die erwerbsfähige Bevölkerung schrumpft, ist eine massive Entvölkerung des ländlichen Raums zu beobachten. Die Bevölkerung auf dem Land ist seit 1996 um 63 Prozent geschrumpft. In absoluten Zahlen hat sich die Zahl der Personen in ländlichen Gebieten von einst über 27 Millionen auf nur noch etwa 10 Millionen reduziert.

Lehren für die Schweiz
Das Beispiel Japan führt zwei Dinge vor Augen. Erstens: Ein Land, in dem die Erwerbsbevölkerung schrumpft und dieser Wegfall aufgrund einer restriktiven Migrationspolitik nicht über Einwanderung kompensiert werden kann, büsst mittelfristig an Wohlstand ein. Zweitens: Mit einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung wird es immer schwieriger, in ländlichen Gebieten die Versorgung mit Gütern und allen voran mit Dienstleistungen aufrechtzuerhalten. Es fehlen schlicht die Arbeitskräfte dafür.

Die Leute sehen sich gezwungen, in urbanere Gebiete umzuziehen, weil dort die Versorgung nach wie vor gewährleistet ist. Mit jedem Wegzug verschärft sich die Abwärtsspirale weiter: weniger Menschen, weniger Angebot. Zurück bleiben ländliche Gebiete, die entvölkert sind. Einst lebhafte Dörfer verkommen zu ausgestorbenen Ansammlungen von Häuschen. Restaurants, Geschäfte, Schulen und Spitäler sind geschlossen.

Mit Blick auf die Abstimmung über einen starren Bevölkerungsdeckel zeigt Japan, in welche Richtung es schon bald gehen könnte. Auch in der Schweiz schrumpft die Erwerbsbevölkerung im Inland. Und um die 10-Millionen-Grenze einhalten zu können, werden schon bald massive Einschränkungen bei der Zuwanderung nötig sein. Die Frage drängt sich auf: Können wir mit dem Bevölkerungsdeckel wirklich «Bewahren, was wir lieben», oder leiten wir damit den schleichenden Niedergang dessen ein, was wir lieben.

 

Prof. Dr. Rudolf Minsch
Leiter Wirtschaftspolitik & Aussenwirtschaft,
Chefökonom, Stv. Vorsitzender der Geschäftsleitung

GuidoSaurer
Stv. Bereichsleiter Wirtschaftspolitik & Bildung

 

Medienmitteilung economiesuisse vom 02.06.2026

 

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